Weitwandern - Kann ich das?

Wer zum ersten Mal etwas von Menschen hört, die tausende Kilometer am Stück wandern, ohne daß sie dazu gezwungen werden, reagiert meistens mit Verblüffung. Aber direkt nach der Verblüffung folgt Neugierde. Die Idee „Weitwandern“ scheint irgendetwas in uns zu berühren, es scheint lange durch Zivilisation verschüttete Instinkte zu wecken. Die Mehrzahl belässt es dann bei Geschichten und Erzählungen. Die Verlockungen der modernen Zivilisation sind dann doch zu verlockend und zu bequem, um ernsthaft in Betracht zu ziehen, für Monate in der Wildnis zu verschwinden.

Doch bei einer nicht geringen Anzahl dieser Menschen bleibt ein kleiner Samen in den Gedanken zurück. Etwas, das sie immer mal wieder daran erinnert, daß es, fernab der Alltagssorgen und -Nöte etwas gibt, das leise, kaum wahrnehmbar nach einem ruft. Und diese Saat wächst über die Zeit. Sie ertappen sich dabei, immer häufiger ihren Alltag und ihr Leben in Frage zu stellen. Sie sagen sich: „Da muss es doch noch mehr geben.“

Und irgendwann ist der Drang nach Veränderung so stark, daß sie ernsthaft in Erwägung ziehen, auszubrechen und zu wandern. Doch dann kommt das kleine fiese Monster namens Selbstzweifel.

White Blaze
White Blaze, Markierung des Appalachian Trail

Weitwandern? Ich kann das nicht!

Es ist völlig egal, wie jung oder alt man ist, wenn man von diesem Wanderfieber befallen wird. Es kann im Grunde genommen jeden treffen. Und einmal infiziert, leidet man chronisch darunter. Aber der Grund, warum nicht viel mehr Menschen für ein paar Monate ihre Sachen packen, sind diese Selbstzweifel, die jeder von uns in sich trägt. Die einen mehr, die anderen weniger.

Es sind Selbstzweifel, die dafür sorgen, daß Wanderinteressierte nicht über ein Campingwochenende hinauskommen. Sie bezweifeln, daß sie körperlich fit genug sind, um solch ein Unternehmen zu wagen. Oder sie fürchten sich vor allem, was in der Wildnis schief gehen kann. Wilde Tiere, die Macht der Elemente, Unfälle, usw. Wie begründet, oder unbegründet diese Ängste sind, behandeln wir später in einem separaten Artikel.

Ich kann das nicht?

Viele dieser Bedenken sind vorgeschoben. Es ist oft der eigene Mut, der einen selbst zurückschrecken lässt. Kurios, nicht wahr? Aber leider Tatsache. Wer einmal so weit ist, diesen Wunsch zu hegen, der Traum vom Weitwandern, wird feststellen, daß das eigene Gehirn plötzlich versucht, allerlei Ausreden zu erfinden, warum das eine wirklich schlechte Idee wäre einen Weitwanderweg zu gehen.

Bei der Wahl der Mittel ist unser Gehirn indes überhaupt nicht zimperlich: Du bist zu alt! Oder zu jung! Du bist zu fett! Du bist zu dürr! Das Gehirn versucht mit aller Gewalt, sich selbst in der Komfortzone zu halten. Denn eigentlich ist unser Gehirn ein großer Feigling. Aber hat es recht? Schauen wir uns an, was für Menschen den Trail bisher gelaufen sind.

Die konnten es.

Die Crawfords und ihre sechs Kinder im Alter von 2, 7, 11, 13, 15, und 16 Jahren sind den Trail gewandert. Neva “Chipmunk” Warren ist mit 14/15 Jahren im Jahr 2013 die jüngste Wanderin, die den Trail alleine gemeistert hat. Dale “Greybeard” Sanders wanderte die 3600 km im Alter von 82 Jahren im Jahr 2017. 1990 wanderte der erste Blinde, Bill Irwin, nur mit seinem Blindenhund als Hilfe, den Appalachian Trail. Scott Rogers hatte eine Bein- und Fußprothese, die von Mikroprozessoren gesteuert wurde, um seine seine Bewegung zu verfolgten und ein stabiles Laufmuster zu erzeugen, als er im Jahr 2004 den Trail absolvierte. Und zu Guter Letzt laufen sich dutzende schwer übergewichtige Menschen auf dem Trail die Pfunde ab.

Alle diese Menschen liessen sich von den Selbstzweifeln nicht abhalten. Alle diese Menschen und viele, viele mehr, haben sich vom typischen „Das schaffst du niemals!“-Gerede ihres Umfelds nicht abschrecken lassen. Etwas nicht zu beginnen, weil man fürchtet zu scheitern, ist das Traurigste, das man sich selbst antun kann.

Weitwandern - Appalachian Trail
Appalachian Trail

Weitwandern: Ich kann das!

Wer jetzt glaubt, der Trail wäre nicht hart, täuscht sich gewaltig. Der Appalachian Trail ist hart. Extrem hart sogar. Aber er ist für die Psyche wesentlich härter als für den Körper. Der Körper passt sich innerhalb kürzester Zeit an die Strapazen an. Das Gehirn nicht. Das Gehirn versucht weiter zu sabotieren, wo es nur kann. Die oben erwähnten Menschen hat schiere Willenskraft weiterlaufen lassen. Jeden Tag, monatelang. Und diese Willenskraft schlummert in jedem von uns.

Es ist tatsächlich für jeden Menschen möglich, den Trail zu laufen. Wer es wirklich will, der kann es auch. Die erste Hürde dazu ist einfach nur der feste Wille dazu. Und die Gewissheit in jedem von uns: Ich kann das!

Die Kunst, sich auf dem Trail selbst motiviert zu halten, behandelt ein anderer Artikel.

Weitere Artikel über den Appalachian Trail:

  1. Einleitung
  2. Was ist der Appalachian Trail?
  3. Weitwandern – Kann ich das? Kann ich das nicht?
  4. Appalachian Trail Planung – Wieviel Zeit nimmt ein Thru-Hike in Anspruch?
  5. Thru-Hike Kosten: Wie teuer ist eine Wanderung des Appalachian Trails?
  6. Appalachian Trail Terminologie

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